Ein Gespräch über Bäume – Ulrike Shepherd

Ausstellung "Wood Works", Kunsthalle Kleinschönach, April 2016

Nach einer Anfahrt durch Fichtenwälder und frühlingshafte Bäume betritt man eingestimmt auf das Thema einen Skulpturenpark in geheimnisvollem Licht. Die präsentierte Werkgruppe wurde von Robert Steward über die letzten Jahre bis hin zu dieser Reife entwickelt, so dass sie nun "schwergewichtig" im doppelten Wortsinn den Raum füllt. Zwar schließen die großformatigen Holzskulpturen an frühere Holzarbeiten an, doch zeigen sie zugleich ihre emanzipierte Eigenständigkeit, denn im Zentrum der Arbeiten steht jeweils ein Baum. 

 

Geradezu zwangsläufig wird meine Ansprache damit zu einem "Gespräch über Bäume". Und wem fällt dabei nicht das berühmteste Zitat aus Berthold Brechts Gedicht "An die Nachgeborenen" ein, welches zwischen 1934 und 1938 in seinem Exil entstand und wo es heißt: 

 

Was sind das für Zeiten, wo

Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist

Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt 

 

Was haben nur diese drei Zeilen an sich, dass sie immer wieder von Literaten und Künstlern zitiert wurden, so dass in sehr verschiedenen Epochen der Bezug zwischen Bäumen und dem Weltgeschehen hergestellt wurde? 

 

So formulierte Erich Fried dreißig Jahre nach Brechts Veröffentlichung in seinem Gedicht von 1967: 

 

Seit der Gärtner die Zweige gestutzt hat

Sind meine Äpfel größer

- Aber die Blätter des Birnbaums

Sind krank. Sie rollen sich ein. 

 

In Vietnam sind die Bäume entlaubt. 

 

Fünfzehn Jahre nach Frieds Gedicht, im April 1982 fanden zu wiederum anderen Zeiten die "Gespräche über Bäume" statt. Unter der Beteiligung von Joseph Beuys, Bernhard Blume und Rainer Rappmann befasste sich die Veranstaltung mit den 7000 Eichen, der Aufgabe Mitteleuropas, den Grünen und den sich daraus ergebenden gesellschafts-politischen Aufgaben. 

 

Ihre Umkehrung erfuhren Brechts poetische Zeilen dann in einem Interview mit Günther Grass von 2011. Dort stellt die Überschrift die Frage: 

 

... ob es heute ein Verbrechen ist, nicht über Bäume zu sprechen? 

 

Was heißt es nun aber in 2016, zu ähnlich unsicheren Zeiten, hier ein "Gespräch über Bäume" zu führen? Und ist es nicht vielmehr ein "Gespräch mit Bäumen", um das es in der Ausstellung geht? 

 

Zunächst kann festgehalten werden, dass sich Robert Steward nicht ausdrücklich auf die Konfliktlinien der Welt bezieht, sondern vielmehr an dem global Verbindenden arbeitet. Weitausholend ist die Bildsprache seines bildnerischen und plastischen Werks und weltweit wiederkehrende Symbole stehen in seinem Fokus. Robert Stewards Interesse an archetypischen Formen wie sie Carl Gustav Jung beschrieb, gilt ihrem Potential Brücken zwischen den Kulturen zu bauen, Bewusstes und Unbewusstes zu verknüpfen und Getrenntes zusammenzubringen. Die Sonnenscheiben im Fichtenwald, die asiatischen Zeichen am Stadtsee oder die afrikanisch anmutenden Hocker – all diese plastischen Arbeiten verorten aus anderen Kulturen inspirierte Formen in der heimischen Gegend. Als Fremdlinge integrieren sie sich mit Selbstverständlichkeit in die hiesigen Räume. 

 

Waren bei diesen Arbeiten Stewards die Zeichen und Symbole zuerst da und das Holz das Material für die Form, so gaben für die heutige Ausstellung Bäume den ersten Anstoß. Eine Pappel, eine Esche und ein Birnbaum standen am Anfang. Die Bäume kamen zum Künstler und forderten ihn heraus. Da gab es zum einen eine lange Kennenlernphase mit einem Birnbaum, der drei Jahre lang vor dem Atelier auf dem Kopf stand. Andererseits führten auch spontanere Begegnungen zu den intuitiven Reaktionen des Künstlers. 

 

Nicht zu verwechseln ist Robert Stewards Dialog mit Bäumen mit dem des Gärtners, der im Gegensatz zum Künstler mit der lebendigen Pflanze arbeitet. Beide haben jedoch gemein, dass in ihrer Arbeit zwar das Gefühl eine große Rolle spielt, Sentimentalität aber fehl am Platz ist. Man sieht es Stewards "Wood Works" nicht an, doch hier fand nicht ein Austausch an der Oberfläche statt, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung bis hin zum Einsatz von Feuer und Kreissäge. Die transformierenden Eingriffe waren gewaltsam und behutsam zugleich und sind in der Videoarbeit "Back to the Roots" dokumentiert, die einen Einblick in die Metamorphose vom Vorgefundenen zum Kunstwerk gibt. 

 

In diesem Prozess gaben die Bäume den Ton an. 

 

Die Pappel in der Mitte der Ausstellung – einst ein übermächtiger Baum, der deshalb gefällt werden musste – verwandelte sich durch ihre schematische Gestaltung zu einer Skulptur im Charakter der Minimal Art. Der Stamm der Pappel wurde auf eine einfache, geometrische Grundstruktur reduziert und seriell wiederholt. Doch ist die Abstraktheit der Formen von den Spuren der früheren Lebendigkeit gezeichnet. Im Rund der Baumscheiben zeigen Jahresringe nicht nur das Alter der Pappel, sondern auch die Wachstumsbedingungen und damit Umwelt und Klima zu Lebzeiten des Baumes. Ragte der Baum aus der Gattung der Weidengehölze vormals weit in den Himmel, so liegt er nun in Teilen und auseinander gestoben in der Waagrechten. 

 

Die Esche am Eingang der Halle, auch sie gehörte zu einer Baumart von hoher Wuchshöhe. Die zu Beginn der heutigen Warmzeit, dem Holozän, eingewanderte Baumart wurde ausgehöhlt und aufgeteilt. Aufgefächert lehnen nun ihre Baumstamm-Teile an der Wand wie archäologische Funde. Wie Einbäume. Daneben bildet das zersplittere, harte Eschenholz Zeichen, die sich selbst zum Inhalt haben. 

 

Der Birnbaum am oberen Ende des Ganges hatte einen gewichtigen Vorläufer – Mathildes Birnbaum. Als der Mostbirnenbaum der 80-jährigen Nachbarin gefällt wurde, – ein Baum der schon vor ihrer Geburt auf der Wiese stand, also schon immer,– war es ihr Trost, dass der Baumstamm von Robert Steward wertschätzend übernommen wurde. Im Atelier folgte die Birnbaum-Archäologie. Die Wege des vielfältigen Getiers in der hundertjährigen Rinde wurden aufgedeckt und ihre Spuren gesichert. Aus dem faltigen Rumpf entstand eine beeindruckende Baumskulptur, die sich heute urbanisiert in München befindet. 

 

Der Birnbaum der Ausstellung ist dagegen in seiner Werkform nicht mehr wiederzuerkennen. Stamm und Wurzel wurden ausgehöhlt, ausgebrannt und zerteilt. Die Bearbeitung brachte 15 Figuren hervor. 15 Individuen, laut Robert Steward: "Einer klüger als der andere". Spielfiguren, deren Spiel und Dramaturgie uns nicht bekannt sind, die wie Schachfiguren verschoben werden können und an der Wand ihr Schattenspiel entfalten. Aufgereiht in Reih und Glied verhalten sie sich zueinander und aufeinander bezogen. Die Kraft, die vom Wurzelstock ausging, formte die unregelmäßigen Gebilde, die der Phantasie nun freien Raum und dadurch menschelnde Charaktere entstehen lassen. 

 

So gab der künstlerische Dialog mit einer Esche, einer Pappel und einem Birnbaum diesen ihre Sprache zurück. 

 

Aber was hat das alles mit dem großen politischen Weltgeschehen zu tun? Mit dieser Frage – also wie immer, wenn es spannend wird – möchte ich enden und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.