Grafik, Malerei, Plastik - Prof. Dr. Albrecht Leuteritz

Robert LaVerne Steward hat es mit geheimnisvollen Zeichen und Symbolen zu tun. Er bringt in seine Bildwerke altägyptische, asiatische, arabische und keltisch-germanische Motive und Schriftzeichen ein. 

 

Hier muss ich gleich einer Irrdeutung entgegentreten, die sich immer wieder in Interpretationen des Steward´schen Werkes findet: seine Bilder, Radierungen und Plastiken lassen sich eben nicht als Folge und Ergebnis seiner vielen Reisen zu fernen Kulturen deuten. 

 

Zwar hat der Globetrotter und sensible Ästhet Robert Steward auf seinen pazifischen, afrikanischen, karibisch-südamerikanischen und europäischen Reisen prägnante Eindrücke aufgenommen und abgespeichert, doch hat in diesen Jahrzehnten vor allem eine Reise in sein Inneres, in die Tiefen seines Ichs unternommen und dabei eine enorme künstlerisch-ästhetische Reifung erfahren. 

 

Hier liegt der eigentliche Urgrund seines Werkes, nämlich in den Abgründen seiner Vorstellungswelt, seiner Phantasie. Nicht Timbuktu oder Casablanca, nicht Bangkok oder Singapur, nicht Stonehenge oder Oslo, nicht Gizeh oder der Sudan sind der Quellgrund seiner Kunst. Er ist kein Landschaftsmaler, und die erlebten Kulturen und Ethnien interessieren ihn nur insoweit, als sie ihm ästhetische Versatzstücke liefern, die er dann in seine eigene Vorstellungswelt eingliedert. Freimütig bekennt Steward, daß die empfangenen Symbole, die er hoch dekorativ in seine Werke einbaut, meistens keine tiefere Bedeutung haben. Wir müssen uns also vor einer typisch „deutsch-gründelnden“ Bedeutungssuche, wie sie auch in den redaktionellen Ankündigungen dieser Ausstellung anklingen hüten. 

 

Steward ist vorallem ein „Augenkünstler“, ein durch und durch auf ästhetische Wirkung zielender Artist. Dafür ist ihm jede Anregung recht, ob sie nun von den alten Ägyptern oder von den Chinesen oder von den Kelten empfangen ist. Auch das Kunsthandwerk, hier vor allem die Möbeltischlerei von der Renaissance bis zur Gegenwart, wird von ihm als Anregung nicht geschmäht. Das ganze pathetische Gefasel einiger Interpreten in seinem Werk vom „Archetypischen“ und von der „universellen Gültigkeit seiner Zeichen“ können wir getrost in den Papierkorb werfen. 

 

Dieser Mann ist ein kluger Künstler, und er hat aufmerksam die stilistischen Entwicklungen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts verfolgt, in das er 1944 hineingeboren wurde. Elemente mehrerer Stilrichtungen, von „Informellll“ über den „New Realism“ und die „Arte povera“ bin hin zur „Concept“- und „Minimal-Art“, nicht zu vergessen des „Neosurrealismus“, sind in seinen Werken erkennbar. Es ist wirklich erstaunlich, wie es ihm gelungen ist, aus diesem Stilwirrwar eine eigene, unverwechselbare Handschrift zu entwickeln. Und diese Handschrift überzeugt durch formale Strenge, durch eine fein abgestufte, häufig nahezu monochrome Farbigkeit und manchmal auch durch einen kräftigen Schuß Humor und Ironie. 

 

Doch schauen wir uns nun exemplarisch einige Werke genauer an. 

 

Da ist zunächst das große, hochformatige, ockertonige Bild „Messages“ (1999, Mischtechnik: Radierung und Malerei). Ich übersetze den Titel mit „Botschaften“ oder „Mitteilungen“ (Plural). Der Titel wird der Darstellung gerecht: unter einem gleichschenkligen, geschwungenen Kreuz versammelt Steward nicht weniger als 146 kleine, unleserlich beschriebene Blätter. Das Kreuz wird zusätzlich durch zwei größere Textkolumnen flankiert. 

 

In die zwei freien Felder im oberen Bereich hat der Künstler mit Bleistift mehrere schwer lesbare Zeilen hineingeschrieben (ähnlich wie Horst Janssen!). Als ich das Datum „23.5.1949“ entzifferte, ging mir ein Licht auf: Steward hat hier aus dem „Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland“, verkündet am 23. Mai 1949, zitiert, und zwar aus dem Einleitungstext und aus der Präambel. So erklärt sich auch die Zahl der Blätter, denn das GG hat 146 Artikel. 

 

Auch das Kreuz oben, das dem heraldischen Emblem der Bundeswehr ähnelt, könnte so eine Erklärung finden: diese Kreuzform, die auch Schinkel 1813 dem „Eisernen Kreuz zugrundelegte, dient seit dem 4. Jh. in der christlichen Kunst als Sinnbild der „Theophanie“, der „Erscheinung Gottes“. Und tatsächlich erscheint schon im ersten Satz der GG-Präambel der Begriff „Gott“: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen...“. („...hat das deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt...“usw.) 

 

Man könnte nun dieses Bild als Hommage für seine neue Heimat Deutschland begreifen, doch glaube ich eher, dass hier unser Künstler mit der Symbolik der Zeichen und der für alte Urkunden typische Farbe Ocker spielt. Das Ganze ist ein geistreicher Einfall für ein ungewöhnliches, dabei eindrucksvolles Bild, durchaus verbunden auch mit einer kleinen Würdigung seines Gastlandes. Dazu kommt, daß er auch hier in diese urkundenähnliche Skriptur etwas sehr Persönlich-Biografisches hineinbringt: ich meine diese dreimal auftauchenden kleinen roten Quadrate, von denen er mit anvertraute, bei Ansehung des folgenden Bildes, daß Sie eine große Bedeutung für sein Leben hätten. 

 

Dieses querformatige große Bild trägt den Titel „Lebenslauf“ (2009, Acryl auf Papier). Seine Struktur wir von orthogonalen Farbfeldern in gedeckten Rot- und Violett-Valeurs bestimmt. Genau in der Mitte der Bilddiagonalen erscheint eine Scheibe mit einem eingeschlossenen goldenen Quadrat. Als ich ihn über dieses – wie mir schein – bedeutungsschwere Symbol befragte, erklärte er mir lächelnd, daß er sich in China immer wieder gewundert hätte, warum die Münzen in der Mitte ein quadratisches Loch hätten. 

 

Eine befriedigende Erklärung habe er nicht bekommen, aber diese Form – diese Verbindung von Kreis und Quadrat – habe sich ihm eingeprägt. Gut, der Kreis ist in vielen Kulturen dieser Erde ein Sinnbild für die „Ewige Wiederkehr des Gleichen“ (Nietzsche), für das Werden und Vergehen und den Wiederanfang, für die Jahreszeiten usw. Die Quadratur des Kreises allerdings ist von altersher eine unlösbare Aufgabe der Mathematik. Auf der linken Seite sehen wir die schon erwähnten 3 roten Quadrate, darunter eine Reihe mit 12 Gestaltsilhouetten, die mal nach links, mal nach rechts zu gehen scheinen – das Ganze vielleicht eine Anspielung auf die drei Lebensalter und auf das wechselnde Vor und Zurück, das jeder Mensch in seinem Leben erfährt. 

 

In der Mitte der rechten Bildhälfte taucht ein einzelnes Quadrat auf, gefüllt mit labyrinthischen Strukturen: das Leben als Labyrinth, aus dem man sich durch den Übergang in eine höhere Dimension befreien kann, so wie es Daedalus mit seinem Sohn Ikarus aus dem minoischen Labyrinth gelungen ist. (Allerdings stürzte Ikarus dabei ab, weil er sich im Übermut der Sonne zu sehr genähert hatte und das Wachs seiner Schwingen schmolz.) Die zusätzlich auf der Bildfläche verteilten Reihen mit chinesisch wirkenden Schriftzeichen verstärken noch den Eindruck geheimnisvoller Verschlüsselung. 

 

Steward ist ein Meister der 'Trompe-l'oel', der illusionistischen 'Augentäuschung'. Wie ein hölzernes Gitterwerk wirkt die Oberfläche einer Reihe von Bildern, die er teils gemalt, teils in Mischtechnik mit Radierung hergestellt hat. Man glaubt bei diesem streng orthogonal strukturierten Bildern eine Intarsie, eine Holzeinlegearbeit, vor sich zu haben. Zwei Beispiele sehen Sie hinter mir an den beiden Stellwänden. Das linke der beiden schmal-hochformatigen Bilder trägt den Titel „Morish Moon“, das rechte den Titel „Orange Night“. 

  

Fast fotorealistisch gelingt es ihm, beim Betrachter den Eindruck zu erwecken, als ob es sich um rötliches bzw. ockerfarbenes Holzmaterial in verschiedenen Valeurs handeln würde. Auch hier streut er wieder seine uns schon bekannten Symbolformen ein: die Scheibe mit dem eingeschlossenen Quadrat, rechteckige Felder mit labyrinthischen Strukturen, dazu die Mondsichel als Sinnbild der Nacht: In beiden Fällen eine höchst eigenwillige, ästhetisch ungemein reizvolle Interpretation des romantischen 'Nacht'-Motivs. 

 

Ähnlich intarsienhaft wirken die beiden großen Bilder „Talking Timbuktu“ ('Gespräch mit T.', 2006) und „Cryptic Messages“ ('Verborgene Botschaften', 2007), das eine im Quer-, das andere im Hochformat. Interessant an diesen beiden Acryl-Bildern ist, daß das 'hölzerne' Gitterwerk den Blick freigibt auf etwas Dahinterliegendes. Beim genauen Hinsehen erkennt man maurisch-arabische Altstadt-Labyrinthe. Ich bin bei diesen Bildern an die in der islamischen Architektur häufigen Holzgitter erinnert, die Balkone und Loggien abschließen und durch die man – selbst ungesehen – auf die Straße blicken kann. 

 

Arabisch wirkende Schriftzeichen, wohl von Steward frei erfunden, vervollständigen die islam-afrikanische Stimmung der Bilder. Ganz anders, fast minimalistisch einfach, gestaltet Steward eine thematisch zusammenhängende Dreiergruppe großformatiger Bilder aus dem Jahr 2008. Sie tragen die Titel „Night“, „Day“ und „Self Portrait“. Die fast wieder monochromen, in Blau-, Rotocker- und Grünvaleurs gemalten Bilder sind nur durch wenige rechteckige Helligkeitsfelder gegliedert. Die große Bildfläche wird jeweils durch eine kleine Gestalt belebt. Bei den Bildern „Night“ und „Day“ ist es ein links bzw. nach rechts schreitendes Männchen unter einem aufgespannten Regenschirm. Auf dem grüngrundigen Bild „Self Portrait“ hat er sich selbst als kleines Männchen unter einem aufgespannten Regenschirm abgebildet. 

 

Das Grundthema aller drei Bilder ist - so sagte mir Steward - das nicht zu erfüllende Schutzbedürfnis des Menschen. Der Schirm sei dabei Sinnbild des Irrglaubens, man könne sich durch einen Schirm oder durch Mauern oder durch Versicherungen oder durch Waffen gegen die Gefahren des Lebens absichern. Das geht eben nicht, und deshalb hat er sich selbst unter einem kreisförmigen Labyrinth dargestellt: das Leben als verschlungener Irrgarten, der ungeahnte und unabwendbare Gefahren birgt. 

 

Formal – und das deckt sich hier durchaus sinnvoll mit dem Thema – hat Steward in diesen 3 Bildern große leere 'Informell'-Flächen mit Kleinstfigurationen konfrontiert, die er in altmeisterlicher Sorgfalt ausführt – ein bemerkenswerter Gegensatz! 

  

Robert Steward ist nicht nur Maler und Grafiker, nein – er greift mit seinen Plastiken und Skulpturen auch in die dritte Dimension. Und die befähigt ihn sogar zu Werken der Land Art, die er im Bodensee-Raum verwirklicht hat. In dieser Ausstellung sind einige plastische Arbeiten sehr unterschiedlicher Thematik und Gestaltung vertreten. Gleich hier sehen wir eine hohe, elongierte Holz-Skulptur, aus einem Stück gehauen: „In and out red and gold I“. Es handelt sich um eine abstrakte Form, bei der er das Thema 'Innen-Außen', das wir ja auch schon von seinen Bildern kennen, in eine freie Gestaltung übersetzt. Ein Durchbruch im Rumpf dieser Skulptur und eine tiefe Kerbe über dem 'Hals' verbildlichen das Thema. 

 

Zugleich düster und kostbar wirken die beiden, an Reliquienschreine erinnernden Plastiken „A bone in an box“ ('Ein Knochen im Kasten') und „No fear“ ('Keine Angst'). Einmal birgt der Schrein ein abgebrochenes Stück Elfenbein, zum anderen einen echten menschlichen Knochen. 

 

Am afrikanische Maskenaufsätze bin ich erinnert, wenn ich die beiden Holzskulpturen „In and out 1/2“ sehe. 

 

Ungemein kunstvoll ist der Schrein mit dem ich in einen Kleintierschädel eingravierten Titel „Staying alive“ ('Bleib lebend') gestaltet. Eine gewisse Vorliebe für die 'Ästhetik des Todes', kann man Steward nicht absprechen. 

 

Robert Steward ist ein vielseitiger und phantasiebegabter Künstler. Sein Oeuvreeee reicht von Skripturen über fotorealistische Trompe-l'oel-Bilder und minimalistischer Farbfeldstruktur bis hin zu Großplastiken und Land-Art-Objekten. Die dabei immer wieder auftauchenden Symbole und Zeichen hat er zwar fremden Kulturen entlehnt, sie aber eigenwillig und frei umgestaltet und sich anverwandelt. 

 

Steward ist kein Ethnologe, er erforscht diese Zeichen nicht, sondern er spielt mit ihnen.

 

Und das ist sein gutes Recht. Schon Immanuel Kant, der große Königsberger Philosoph der Aufklärung und der 'kopernikanischen Wende' in der Philosophie, hat die Künstler gegen alle Wirklichkeitsansprüche der damals meist feudalen Auftraggeber in Schutz genommen, indem er in seinem dritten kritischen Werk, der „Kritik der Urteilskraft“ (1790) lakonisch feststellt: „Der ästhetische Gemütszustand ist bestimmt durch das freie Spiel der Vorstellungskräfte.“ 

 

Robert LaVerne Steward – 'La Verne' ist übrigens der französische Name für die 'Erle' und hat dadurch indirekt mit seiner Holzbildhauerei zu tun –, Robert LaVerne Steward läßt seinen Vorstellungskräften freien, spielerischen Lauf und schert sich einen Teufel darum, ob seine Werke, die in allen Bereichen eine unverkennbare Handschrift tragen, mit der Außenwirklichkeit übereinstimmen oder nicht. 

 

'Gott sei Dank', kann ich da nur sagen, und ich wünsche ihm, daß er auch in Zukunft seinem kühnen und ungewöhnlichen Gestaltungsdrang treu bleibt. Ich wünsche Ihnen einen aufmerksamen Blick beim Betrachten seiner Werke. Es lohnt sich! 

 

19. September 2010 / „Forum K.H. Türk“, Nürtingen