Spaces to pass through - Ulrike Shepherd

Die Ausstellung „spaces to pass through“ von Robert Steward hat ihren Ort im sogenannten „Badgarten“, einem Park, der im 19. Jahrhundert nach den damaligen Moden der Landschaftsarchitektur gestaltet wurde, so dass Sie im Bodenseeraum im Umfeld von Schlössern, Kirchen, Klöstern und Promenaden ganz ähnliche Anlagen mit gleichem Baumbestand finden können. 

 

Die in diesem Park installierten Holzskulpturen von Robert Steward mit Titeln wie: Red Disk, Obelisk, Portals, Pillar, Gateway, All The Kings Men, befinden sich zwischen einem nordamerikanischem Riesenmammutbaum, einem Tulpenbaum, zwischen Flügelnuss, Götterbaum, asiatischem Ginkgo, mediterraner Zeder und einer tropischen Bananenstaude, - aber auch zwischen Linde, Pappel, Birke und Buche. 

 

Der Badgarten, ein Landschaftspark in Miniaturform, dessen exotische Bäume aus aller Welt stammen, wurde in einer Zeit angelegt, als das Reisen noch ein Privileg war. Die Erinnerungsbilder des Reisens gingen in die Gartengestaltungen der damaligen Epoche ein, Gärten wurden zum exotischen Ort. Dieser Impuls durch Integration des Fremden den eigenen Gesichtskreis zu erweitern findet sich auch als Grundmotiv im künstlerischen Werk von Robert Steward. Das „Unterwegs sein“ bezeichnet er als den zentralen Schlüssel zu seinem Werk. 

 

Dass „Reisen“, also das Aufsuchen nicht nur anderer Orte, sondern auch ihrer Kulturen, künstlerisches Arbeiten befruchten kann, leuchtet unmittelbar ein. 

 

Bei einer Betrachtung des „Reisens“ sind jedoch nicht nur das „Wohin“ entscheidend, sondern auch das „Woher“, also der Ausgangspunkt der Reise. Man lässt eben bei einem Aufbruch nicht wirklich alles zurück, sondern man nimmt immer auch ein Stück seiner Herkunft mit und diese Prägung bestimmt letztendlich, was man von der Reise aufnimmt. 

 

Robert Stewards Reise nahm ihren Anfang in San Franzisko. Dort ist er geboren und aufgewachsen. In einer weltoffenen Hafenstadt, die ein Schmelztiegel der Kulturen ist, und in einem Land der landschaftlichen Gegensätze. Kalifornien, das an den Pazifischen Ozean, Oregon, Nevada, Arizona, sowie den mexikanischen Staat grenzt, ist ein Land zwischen Meer, Wüsten und Naturparks. 

 

Robert Stewards Sehnsucht nach anderen Ländern und Kulturen nahm dort ihren Anfang. Die Farbigkeit der multikulturellen Bevölkerung San Franciskos und der Landschaft Kaliforniens nahm er daraus mit und sie leuchten noch heute aus den Farbstimmungen seiner Malereien und Skulpturen. 

 

Das äußere Bereisen der Welt begann 1963. Als Soldat der US Navy lernte er den Pazifischen Ozean und asiatische Gewässer kennen und nach seinem Studium der Bildenden Kunst am San Francisco City Collage und an der San Francisco State University, bereiste er als Künstler und Musiker verschiedene Länder Europas, weitere Reisen durch die Karibik und Südamerika, nach Ägypten, Sudan und Mali folgten später. 

 

In seinen bewusst gesuchten Begegnungen mit anderen Kulturen und gewollten Konfrontationen mit dem Fremden, sucht Robert Steward bis heute nach den Gemeinsamkeiten, welche kulturelle Differenzen überwinden. Die Urbilder in der Psyche aller Menschen, unabhängig von ihrer Geschichte und Kultur, stehen dabei im Zentrum seiner Suche. 

 

Diese Haltung hinterlässt ihre Spuren in der Gestaltung seiner Bildwerke und Skulpturen. In der künstlerischen Verwendung von Ausdrucksformen aus unterschiedlichen Kulturen hebt Robert Steward das „Archetypische“ daran hervor. Die von ihm zitierten Symbole manifestieren sich in seinen Arbeiten als universell verständliche Zeichen. Als mehrdeutige Gebilde können diese Zeichen zwar verschiedene geistige Assoziationen auslösen, doch bei all dieser Offenheit gibt es immer auch Grundassoziationen, die sich in den Kulturen ähneln. 

 

Beispielsweise wird der Kreis in den meisten Kulturen als Symbol der Geschlossenheit, der Ganzheit und Vollständigkeit gesehen. Das Kreuz wird mit den vier Himmelsrichtungen oder vier Elementen und somit mit einer strukturierten Ganzheit, aber auch einem Mittelpunkt assoziiert. Da der Kreis den Erscheinungen der Himmelskörper ähnlich ist, während das Kreuz mit der Orientierung im Raum zusammenhängt, wird der Kreis überwiegend als himmlisch und das Kreuz als irdisch angesehen. 

 

Solche sich ähnlichen Motive und Vorstellungen aus unterschiedlichen Kulturen werden in den Werken von Robert Steward zu wiederkehrenden Bildinhalten. Urbildhafte Symbole wie Sonnenscheiben, Tore, Spiralen und Labyrinthe treten in Variationen auf und werden zu neuen Mustern, Strukturen und einer eigenen Bildsprache. 

 

Während jedoch in der Malerei Robert Stewards die Zeichen im Schwebezustand schillernder Farbräume verweilen, fallen sie in ihren skulpturalen Umsetzungen heraus in die Dinglichkeit. Da wird die goldene Kreisfläche der Radierung zur mächtigen Sonnenscheibe aus Holz. Oder das grafische Zeichen, welches einem chinesischen Schriftzeichen ähnelt, wird zum blutroten Tor, welches in seiner massiven Präsenz auf elementare Durchgangssituationen verweist. 

 

Doch ganz gleich ob Robert Steward diese Symbole grafisch, malerisch, als Skulpturen oder als Objekte umsetzt, was ihnen allen anhaftet, ist ihr Zeichencharakter. Das heißt, dass durch sie auf etwas anderes gezeigt wird. 

 

Der Begriff Zeichen kommt ursprünglich vom Indogermanischen dei, was soviel heißt wie „hell glänzen“, „schimmern“ oder „scheinen“, und wird im Althochdeutsch zum zeihhan „Wunder“ oder „Wunderzeichen“. Das Zeichen ist das, was uns dazu dient irgendetwas zu bezeichnen und auszudrücken und es damit zu erhellen und ins Licht zu rücken. Jedes Zeichen dient der Verständigung, so wie hier die Skulpturen auf die Kommunikation mit dem Betrachter abzielen. 

 

Mit den ausgestellten Skulpturen wird etwas gezeigt und zugleich auf etwas gezeigt. Es werden die natürlichen Räume im Park und zum See neu interpretiert und es wird mit den Skulpturen auf Räume verwiesen. Die Spitze des Obelisks zeigt in den offenen Himmel, die „red disk“ titulierte rote Scheibe führt den Blick durch die Öffnung in ihrem Zentrum und auch die anderen Arbeiten zeigen auf Durchgangssituationen und Markieren den Übergangsmoment in leuchtendem Gold und Rot. 

 

Es sind zunächst ganz konkrete Situationen, die durch die Skulpturen hergestellt werden. Die Form der Holzkörper rückt den leeren Raum ins Zentrum und damit das im Asiatischen so hochgeschätzte „Nichts“, welches noch alle Möglichkeiten in sich trägt. Die Geste der Skulpturen, das Aufzeigen eines Übergangs in einen anderen Raum, finden Sie in allen hier ausgestellten Exponaten, weshalb die einzelnen Objekte als Spielarten eines künstlerischen Anliegens zu verstehen sind. Es ist das Sichtbarmachen von Leere und von Verwandlungen. 

 

Die Werke der Ausstellung „Spaces to pass through“, die in ihrer multikulturellen Bildersprache an asiatische, indianische, arabische und europäische Kulturen anknüpfen, sind in einer Bildhaftigkeit verfasst, die allgemein verständlich ist. Sie tragen damit in sich die Hoffnung auf eine Gegenwart, in welcher die kulturellen Grenzen hinter den Gemeinsamkeiten zurückbleiben und eine Verständigung, die ausgehandelt wird, in den Vordergrund tritt.