Einführung - this is what I do – Dr. Claudia Schlürmann

Ausstellung "this is what I do", Rathausgalerie, Owingen, Mai 2017

"this is what I do" – das ist der Titel, den Robert Steward für seine Ausstellung von Bildern und Skulpturen gewählt hat. Das Besondere ist ja in diesem Fall, das es sich nicht um ein spezielles Thema handelt, ein Thema, dass sich aus einem bestimmten Inhalt oder aus der Wahl der Technik ergeben hätte, nein, dieses "this is what I do" stellt ganz selbstverständlich die eigene Person, die Künstlerpersönlichkeit in den Mittelpunkt. 

 

"Natürlich. Vertrauen gepaart mit Selbstvertrauen, das muss vorhanden sein, sonst ist keine Kunst möglich." Diese Antwort gab der Maler Emil Schumacher in einem Interview auf die Frage von F. Mennekes als dieser von seiner Beschäftigung mit Hans Arp berichtete. Arp habe doch ein starkes Zutrauen zu den schöpferischen und gestaltenden Kräften in sich gehabt, ob das auch für Schumacher gelte. So ein starkes Vertrauen in die eigenen schöpferischen, gestaltenden Kräfte, ja ein Bewusstsein um diese Kräfte kann man hinter diesem "this is what I do" erahnen. 

 

So fragen wir weiter – was also tut dieser Künstler? Der Maler malt... Der Bildhauer meißelt, schnitzt und formt? Der Maler, Robert Steward, malt und schafft Radierungen und der Bildhauer schlägt Skulpturen hauptsächlich aus Holz, oft unter Verwendung von Farben. In beiden Feldern hat sich Steward ein großes handwerkliches Können angeeignet und beide Genres haben sich über die Jahre gleichwertig entwickelt. Er experimentiert mit unterschiedlichen Techniken, sieht sich stets aufs Neue vor diffizile handwerklich-künstlerische Herausforderungen gestellt. Seit den 80-ger Jahren entstanden Holzskulpturen neben Bildern und Radierungen, Land-Art-Projekten und einzelnen Performances. 

 

"Ich war ein Einzelkind und meine Eltern waren viel älter als ich. Also habe ich viel mit mir selber gespielt. Ich habe viel mit Farben gespielt, mit Holz gespielt, mein Leben lang. Ich habe so angefangen, ich hatte Freiraum; mein Vater hat nie gesagt, rühr das nicht an... und ich war immer neugierig." (R.St.) 

 

Er erlernte das technisches Zeichnen am College, ein Kunststudium machte ihn mit vielen Techniken mit Medien bekannt doch vorrangig bliebt stets das autodidaktische Aneignen neuer Praktiken und Materialien. Neugierde war dabei die treibende Kraft. Diese Kraft führte schließlich auch dazu, einen Weg als Künstler anzustreben. Die Bewegung der Hippies, der Beat Generation hat er als Teenager und dann während der Studienzeit in San Fransisco miterlebt; er stieß zum ersten Mal auf eine Lebenshaltung die sich mit dem Zen auseinandersetzte. Und er fand den Weg zum Zeichnen zur künstlerischen Arbeit durch das Tun. Um sich den Lebensunterhalt als Kunststudent zu finanzieren verkaufte R. Steward eine Hippiezeitung. Darin gab es Zeichnungen und eines Tages, als er die Zeichnungen sah, dachte er "das kann ich auch machen." 

 

"Ich habe nie irgendetwas entschieden, ich habe immer das gemacht, was gerade vor mir war."... "Und die Neugier, das ist meine treibende Kraft, die Neugier." 

 

Hier lässt sich also erahnen, nicht nur WAS sondern auch WIE Robert Steward etwas tut. "this is what I do" – was genau sehen wir also hier in der Rathausgalerie Owingen? Da sind sich drei Werkgruppen zu unterscheiden: oben im Rathaussaal, im Treppenhaus und hier im Raum die Malerei, dann die Holz-Skulpturen (auch Bronze) hier unten und schließlich die vier bunt bemalten Holzformen als Verbindung von Malerei und Skulptur. 

 

Bei allen Gattungen fällt die handwerkliche Präzision, die bis ins kleinste Detail äußerst sorgfältige Arbeitsweise auf. Aber auch Könnerschaft und Erfindungsreichtum, um die für die jeweilige Situation passende Lösung zu finden. 

 

Auf die Malerei bezogen bedeutet das entweder reine Malerei doch oft sind es Radierungen, die als Grundlage des Bildes dienen, welches dann malerisch weiterbearbeitet wird. Auch Collagen oder Prägedruck kommen zum Einsatz. Die Bilder fordern auf zu genauem Hinsehen: oftmals sind, verborgen in der geometrischen klaren Struktur des Bildaufbaus kleine und kleinste Motive eingearbeitet. Wiederkehrende Motive sind Symbole wie der Kreis, das Kreuz, das Quadrat, das Dreieck. Zu den Symbolen sagt R. Steward: 

 

"Es ist wie eine Art Gefäß, in das man verschiedenes hineintun kann. Verschiedene Gedanken, Gefühle, Bedeutungen. Und das erste (wichtigste) Motiv ist: was kann ich damit anfangen?" 

 

Das Runde oder der Kreis erinnert an alte Sonnenkulturen oder an den Grundriss moderner Städte, es taucht auf in Meditationsbildern, Mandalas: das Motiv des Kreises als Symbol der Ganzheit. Im Zen Buddhismus bedeutet der Kreis Erleuchtung, in der christlichen Kunst erinnern die Fensterrosetten der Kathedralen an die göttliche Ganzheit. Die Verbindung von Kreis und Quadrat findet sich in alchemistischen Darstellungen von Geist und Materie. Die Aufzählung ließe sich fortsetzten... 

 

1944 in der Hafenstadt San Francisco geboren, erlebte Robert Steward das bunte und anregende Miteinander verschiedenartigster Kulturen und Menschen: das große chinesische Viertel, die Einflüsse Europas, Asiens... "ich hab da immer diese andersartige Kunst gesehen und es hat mich immer fasziniert und ich habe mir immer die Frage gestellt, wie ist es da in den anderen Ländern und die Fragen habe ich immer in meine Spielerei, in meine Arbeit hineingetan: was ist ein Torii, was ist ein Symbol – dieser Kreis, ein Quadrat in der Mitte; den findet man in Münzen aus Asien, all diese Dinge habe ich immer gesammelt in meinem Kopf." 

 

Auffällig ist auch der strenge, zentrierte oft symmetrische Bildaufbau. Schauen Sie auf den wiederkehrenden Mittelstreifen oder die horizontale Betonung. In der Strenge des Bildaufbaus können die unzähligen Geschichten, Formen, Figuren, Landschaften, Tiere, Schriftzeichen, Zeichen japanischer Eingangstore, Symbole abend- und morgen-ländischer Mystik ihren Platz und ihre eigene Ordnung finden. 

 

In dem rigiden gesellschaftlichen Umfeld der McCarthy-Ära verpflichtete sich Robert Steward für vier Jahre zum Militär, wurde Mitglied der US Navy "ich war der Naive und bin vier Jahre im Pazifik herumgereist." Erlebnisse dieser Zeit, auch dessen, was er während und nach der Zeit des Vietnam-Kriegs erlebte, spiegeln sich nach eigener Aussage in der Kunst: "das stark auf die Mitte gehen, Harmonie und Balance..." 

 

Dieses Motiv des "stark auf die Mitte Gehens" findet sich auch in einigen Skulpturen wieder, wobei jetzt ein Motiv hinzutritt oder deutlicher hervortritt, was in manchem Bild schon versteckt war: das Boot oder besser der englische Begriff: vessel. Denn vessel bedeutet nicht nur Schiff, sondern auch Kessel, Behältnis, Ader, Blutbahn. Die hier versammelten vessels haben unterschiedliche Größen, sind liegend oder zu dritt geschichtet, verlassen sogar die angestammte Horizontale. Sie transportieren Dinge, Figuren, Wirbelknochen eines Tieres (Fuchs?) und haben auch ganz versteckt Hinweise auf ihre Zeichenhaftigkeit (kleine kupferne Quadrate). Auch sie kommen z.T. aus fernen Zeiten und Kulturen. Der altägyptische Brauch der Begräbnisrituale, bei denen der mit Blumen bedeckte Sarg in einer Barke über den Nil gebracht wurde, leuchten im Gold diese kleinen schwarzen Bootes auf. 

 

Und doch zeigen diese Skulpturen und stärker noch die anderen hier versammelten Holzskulpturen ihre Materialität, das Holz. Das Holz des Birnbaums, der gebrannt und gespalten in 15 Teile hier im Kreis steht, Holz des Apfelbaums, dessen Ast gehöhlt hier aufgehängt ist und zum Durchblicken einlädt. 

 

"...und jetzt hat es sich erweitert mit der Frage nach der Materie. Da hatte ich vor 20 Jahren ein starkes Erlebnis. Ich habe immer mit Holz gearbeitet und irgendwann stand ich vor einem Baum und ich fragte oder ich habe gemerkt der Baum ist viel mehr als ich immer gedacht habe. Holz ist viel mehr als was ich mir eigentlich vorstellen kann. Das hat mir Freude gemacht: das ist nicht nur ein Stück Materie – das ist viel mehr." 

 

So weist das selbst gewählte Motto "this is what I do" zum Schluss doch über sich hinaus; beides, sowohl das DIES, die Dinge, Materialien, und die Motive der Bilder und Skulpturen, als auch das ICH des Künstlers deutet weit über das hinaus, was wir hier und jetzt sehen können – und gleichzeitig ist es genau das was es ist. 

 

 

Owingen, den 15.05.2017 Dr. Claudia Schlürmann 

 

Die Zitate stammen aus einem unveröffentlichten Interview von Antje Dülke mit Robert Steward aus dem Jahr 2014/15.